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Studieren mit Kind

Quelle:
Autorin: Von Fee Anabelle Riebeling
http://www.studisurf.ch/news/
article/studieren-mit-kind/
05. März 2009

Studieren mit Kind ist machbar. Doch noch immer sind schwangere Frauen und frischgebackene Mütter in Schweizer Hörsälen eine Ausnahme.  

Als die Zürcherin Jeannine Meier* vor knapp zwei Jahren erfuhr, dass sie bereits im zweiten Monat schwanger ist, war der Zeitpunkt denkbar ungünstig. Gerade erst hatte sie die Zusage für einen Platz an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) im Studiengang Psychologie bekommen. Damals noch in Berlin zu Hause, saß sie bereits auf gepackten Koffern und «selbst der Umzugsservice war schon bestellt. Ihr Freund, ein Schauspieler, hatte kurz vorher ein lukratives Jobangebot bekommen und wollte ihr erst später, nach Beendigung des Engagements, in die Schweiz folgen.

Meier erzählt, dass sie tatsächlich nur einen «ganz kurzen Moment» mit dem Gedanken gespielt hat, in Berlin, beim zukünftigen Vater zu bleiben. «Aber mein Bauch hat mir dann gesagt, dass es eigentlich das Beste wäre, genau das zu tun, was ich geplant hatte.» Ein Abbruch kam für sie nie in Frage. Wäre sie schon mitten im Studium gewesen hätte ihre Entscheidung vielleicht anders ausgesehen, gibt sie zu, aber in dem Moment wo sie sich sowieso im Umbruch befunden hat «kam das noch so on top und passte auch irgendwie. Gerade das Wissen um meine Schwangerschaft hat mich darin bestärkt, dass zu machen, was ich wirklich will – und nicht nach einer halbherzigen Lösung zu suchen.» Und so sei sie, wie geplant, zwei Wochen später alleine nach Zürich gezogen.

So selbstbewusst, wie sich die heute 32-Jährige mit der neuen Situation auseinandersetzte und sich für Studium und Kind entschied, sind nicht alle Frauen, weiß Miriam Erni von der Schwangerschafts-Konfliktberatung tandem des Katholischen Frauenbunds in Zürich. Zwar hätten bisher nur wenige Studentinnen ihren Rat gesucht, «aber die Sorgen und Ängste sind fast immer dieselben. Die jungen Frauen wissen zum Großteil weder ein noch aus.» Seit sechs Jahren ist sie für viele die erste Anlaufstelle, wenn der Schwangerschaftstest positiv ausfällt. «Wenn die Betroffene über einen Abbruch nachdenkt, dann weiß manchmal noch nicht einmal der Partner davon.» Pauschale Ratschläge kann sie keine geben. Ihre Aufgabe besteht in erster Linie darin zuzuhören und die individuelle Lebenssituation ihrer Gegenüber zu durchleuchten. Die Entscheidung über das weitere Vorgehen liegt immer bei den Schwangeren. Sie selber, so sagt sie, könne nur mittels Fragen das Nachdenken stimulieren. «Ich warne aber immer davor, das Studium abzubrechen.» Schließlich sei eine Ausbildung die Basis dafür, das eigene Leben – ob mit oder ohne Kind – später selbst in die Hand nehmen zu können.

Laut der Studie zur sozialen Lage der Studierenden vom Bundesamt für Statistik (BfS) hatten sich zum Erhebungszeitpunkt im Jahr 2005 nur 5,8 Prozent – also 9.288 Studierende – für ein Leben mit Studium und Kind entschieden. Wie viele Studenten in Zürich derzeit den Spagat zwischen Hörsaal und Elternpflichten meistern, ist nicht bekannt. Eine Meldepflicht besteht nicht. Fest steht aber, dass der Anteil derer mit mindestens einem Kind an Berufsbegleitenden Fachhochschulen wesentlich höher ausfällt. Dies, so erklären die für die Studie Verantwortlichen, sei damit zu erklären, dass das Durchschnittsalter in berufsbegleitenden Studiengängen mit rund 33 Jahren deutlich höher ist als in Vollzeitstudiengängen. Dort hingegen ist, wie die Vergleichsstudie aus dem Jahr 1995 zeigt, die Zahl der Studierenden mit Kind in den letzten zehn Jahren von sieben auf fünf Prozent gesunken. Eine Entwicklung, die sich sowohl die Statistiker, als auch die Gleichstellungsbeauftragten der Zürcher Hochschulen nicht zu erklären wissen, sie sogar überrascht, denn das Bologna-Modell, für das sich die Schweiz 1999 entschied, ermögliche den Studierenden eigentlich eine flexiblere Einteilung ihres Studiums.

Auch Jeannine Meier profitierte von der modularen Gestaltung ihres Bachelor-Studiengangs. Hilfe bei der Planung bekam sie bei der Gleichstellungsabteilung der ZHAW. Stellen wie diese wurden aufgrund des 1996 in Kraft getretenen Bundesgesetzes über die Gleichheit von Mann und Frau und des seit 1998 geltenden Universitätsgesetzes landesweit ins Leben gerufen, um die Diskriminierung der Frauen zu stoppen. Dort finden die Studenten Rat bei geschlechterspezifischen Problemen, Diskriminierungen – und auch im Fall von Schwangerschaften. «Die Dame dort war natürlich nicht hellauf begeistert, hat mich aber über meine Möglichkeiten informiert», erinnert sich Meier, die damals bereits im vierten Monat war. «Dass ich mein Studium deswegen nicht abbrechen müsste, sondern entweder Teilzeit studieren oder für ein bis zwei Semester aussetzen könnte.» Meier entschied sich nach einem halben Jahr Vollzeit für die Teilzeitvariante und konnte so selbst entscheiden, wie viele Seminare sie belegte. «Mein Sohn kam im Mai zur Welt, mitten im zweiten Semester.»  Das Timing war gut: «Im Juni hatte ich dann nur noch wenige Vorlesungen, die ich dann trotz Kind besuchen konnte.»

Unterstützung bekam die damals 30-Jährige von ihrer ebenfalls in Zürich lebenden Mutter und von ihrem Freund, der drei Monate vor dem errechneten Geburtstermin zu ihr gezogen war. Zu dritt teilten sie sich die Betreuung von Sohn Nils in den ersten Monaten. «Ohne deren Hilfe hätte ich sicher länger aussetzen müssen», da ist sich Jeannine Meier sicher.

Die Ergebnisse der Studie zur Sozialen Lage der Studierenden 2005 stützen ihre Aussage: Rund 45 Prozent der Befragten gaben an, dass bis zu einem Alter von anderthalb Jahren die Betreuung durch den Partner und anderer nahe stehender Familienangehörige am wichtigsten ist. Erst danach gewinnen die unterschiedlichen Betreuungsangebote der Kinderkrippen deutlich an Bedeutung. «Die Zeiten, in denen Mütter, die ihre Kinder in Kitas oder andere Einrichtungen geben, als Rabenmütter bezeichnet wurden sind vorbei», sagt Carla Zingg von Equal!, der Stelle für Chancengleichheit von Mann und Frau von der ETH Zürich. Aber nicht die Skepsis gegenüber der Fremdbetreuung sei ausschlaggebend für das relativ späte Eintrittsalter, «sondern die fehlenden Säuglingsplätze.» Man arbeite zwar daran dies zu ändern, doch rate sie werdenden Eltern immer sich sofort für einen Krippenplatz zu bewerben und «am besten auch zweigleisig zu fahren».

Um die Betreuungsproblematik in Zürich zu entschärfen haben die ETH und die Universität gemeinsam im Jahr 2002 die Stiftung kihz ins Leben gerufen, die zur Zeit sechs Kindertagesstätten unterhält, in denen rund 250 Kinder betreut werden können. Eine weitere Einrichtung ist in Planung. «Aber auch hier muss mit sehr hohen Wartezeiten gerechnet werden, allerdings werden Mitarbeiter und Studierende der angeschlossenen Hochschulen prioritär behandelt», sagt Iris Rothäusler von der Gleichstellungsstelle der Universität Zürich (UZH). Ein weiterer Vorteil gegenüber eigenständigen Betreuungsangeboten sei die Subventionierung der Plätze durch die angeschlossenen Hochschulen, zahlreiche Spender, sowie Stadt und Kanton Zürich. »Die Gebühr für die Plätze wird nach dem Einkommen der Eltern berechnet.» Bei Durchschnittssätzen von 170 CHF pro Tag sorgt dieses Modell für finanzielles Aufatmen bei den nicht oder nur wenig verdienenden Studierenden.

Auch Jeannine Meier kennt die Problematik der Fremdbetreuung: Im Alter von acht Monaten brachte sie ihren Sohn zum ersten Mal in die Krippe. «Es hat mir fast das Herz gebrochen, ihn fremden Leuten anzuvertrauen», sagt sie, «am liebsten wäre ich alle halbe Stunde am Fenster vorbei geschlichen.» Heute kann sie es sich gar nicht mehr anders vorstellen, zweieinhalb Tage pro Woche spielt er nun mit den anderen Kindern, die zwischen sechs Monaten und vier Jahren alt sind. An den anderen Tagen wechseln sich Großmutter, Freund und sie selber mit der Betreuung ab, je nachdem wer Zeit hat. «Nils geht wirklich wahnsinnig gerne in die Krippe und auch meinem Freund und mir tut es gut. Eine richtige Win-Win-Situation.» Da ihre Hochschule nicht an die Stiftung angeschlossen ist, und auch weil die kleine Familie im Kreis 3 wohnt, haben sie sich für eine näher gelegene Einrichtung entschieden, «die glücklicher Weise auch subventioniert wird.» Regulär müssten sie 120 CHF pro Tag zahlen, so aber nur 100 CHF im Monat.
Das Finanzielle sei es auch gewesen, was ihr am meisten Sorgen gemacht hätte. «Zu Anfang des Studiums habe ich noch 40 Prozent gearbeitet», erzählt sie, «und es hat mich dann sehr gestresst plötzlich voll und ganz von meinem Freund abhängig zu sein.» Auch die Frage, ob der Verdienst des Partners ausreiche, hätte sie beunruhigt. Doch «wir können zwar keine großen Sprünge machen, kommen aber gut hin, auch ohne Finanzierung von außen», das weiß sie heute. Lediglich für zwei Monate hätten sie Unterstützungsgelder des Sozialdepartments des Kantons Zürich, die so genannten Kleinkinderbetreuungsbeiträge, kurz KKBB, beansprucht. «Aber das gab ein riesiges behördliches Chaos.» Die Voraussetzungen für die monatlichen Zahlungen von maximal 2000 CHF sind hoch, denn die regelmäßigen Finanzspritzen sollen gewährleisten, dass sich junge Eltern mindestens die Hälfte der Woche selber mit ihren Kindern beschäftigen können. So muss ein Elternteil mindestens ein Jahr im Kanton gemeldet sein und darf – sofern allein erziehend – nicht mehr als 50 Prozent arbeiten. Bei zusammenlebenden Eltern dürfen 150 Prozent nicht überschritten werden. Studierende aber kommen nur selten in den Genuss, weiß tandem-Beraterin Miriam Erni aus ihren Erfahrungen mit Studenten. Mitarbeiter des Sozialdepartements wollen sich dazu pauschal nicht äußern: «Wir entscheiden immer individuell.» 

Wer kurzfristig finanziell weder ein noch aus weiß kann bei Miriam Erni Überbrückungsgeld beantragen. «Wir haben einen kleinen Fond, der durch Spenden gespiesen wird und können so einmalig helfen, zum Beispiel, wenn nachweislich das Geld für ein Kinderbettchen oder Windeln fehlt.» Regelmäßige, wenn auch kleine Unterstützungsbeiträge von maximal 200 CHF können bei der Zürcher Mütterhilfe angefragt werden. Hier helfen anonyme Spender mittels so genannter Patenschaften Müttern in Not. Bei einer dauerhaften finanziellen Durststrecke hilft jedoch nur der Gang zum Sozialamt, sind sich beide Anlaufstellen einig: Nur das Amt kann eine Existenz dauerhaft sichern. Für Studierende besteht zudem noch die Möglichkeit zinslose Darlehen zu erhalten. Wo sie diese beziehen können, erfahren Betroffene bei den Gleichstellungsbeauftragten der jeweiligen Hochschulen.

Obwohl ihr Alltag sich wesentlich von dem ihrer kinderlosen Kommilitonen unterscheidet, ist Jeannine Meier nicht neidisch. «Ich habe einfach weniger Zeit für mich, arbeite dafür aber auch disziplinierter und somit effizienter.» Ehrgeizig sei sie schließlich schon immer gewesen. Sie denkt nach. «Natürlich ist mein Leben teilweise sehr stressig, aber es ist wohl einfach nur eine andere Qualität von Stress als bei Studenten ohne Kind.» Die Statistik aus dem Jahr 2005 zeigt, dass die Existenz von Kindern hinsichtlich des studentischen Zeitbudgets eine deutliche Differenz ergibt: Während Kinderlose durchschnittlich 38 Stunden pro Woche für das Studium aufbringen und nur sechs für den Haushalt, verbringen studierende Mütter und Väter rund 33 Stunden mit elterlichen Tätigkeiten. «Klar, würde ich gerne auch mal wieder in einer Bar sitzen, mich betrinken und Zigaretten rauchen, aber das geht einfach nicht. Ich habe nicht so viele Freiheiten wie andere, aber dafür bekomme ich täglich etwas von meinem Sohn zurück.»

Auch Carla Zingg, die Gleichstellungsbeauftragte der ETH Zürich möchte nicht ausschließen, dass Studium und Nachwuchs heutzutage gut miteinander zu vereinbaren seien. «Mir kommt immer wieder ein Zitat einer Frau in eben dieser Situation in den Sinn, die sagte: Die Familie liegt mir nicht im Nacken, sie stärkt mir den Rücken.» Da sei etwas Wahres dran, denn ein Kind würde die oftmals nötige Distanz zu Arbeit schaffen, die es brauche um dann mit Elan weiter zu arbeiten. «Trotzdem ist es nicht eine ideale Kombination. Ich möchte mich nicht auf Prüfungen vorbereiten, wenn im Hintergrund mein Kind schreit.»

Jeannine Meier hingegen scheint den Balance-Akt hingegen sehr gut hinzubekommen. Die 32-jährige Zürcherin ist mittlerweile zum zweiten Mal schwanger. Das Timing ist wieder gut: Das Kind wird in den nächsten Semesterferien zur Welt kommen. «Geplant war das überhaupt nicht, aber ich weiß, dass ich es schaffen werde», sagt sie. Sie habe bereits jetzt schon so viele Module vorgearbeitet, dass sie wieder im kommenden Semester wieder Teilzeit studieren kann. Lediglich ein obligatorisches Praktikum muss sie verschieben, die Bachelor-Arbeit verzögert sich damit um ein halbes Jahr. «Insgesamt liege ich dann anderthalb Jahre über der Regelstudienzeit.» Dafür, dass sie während des Studiums zwei Kinder geboren hat, eine reife, wenn auch nicht immer einfache Leistung. «Ohne die Unterstützung meines Freundes und meiner Mutter hätte ich das aber nie hinbekommen», relativiert sie – und gibt zu, dass die bald zweifache Großmutter sich nun auch frühpensionieren lässt. Denn ohne ein familiäres Netzwerk ist die Doppelbelastung nicht zu schaffen.

* Name geändert

 

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