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Studieren mit Kind

«Ich würde es weiterempfehlen»

Quelle:
Studiversum #5 oktober 06
Text: Philipp Arnold
Bilder: Yvonne Schmidlin
und kihz (Marcel Biefer)

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Internettipps zu Krippenangebote:
Universität Basel: www.unibas.ch/kinderkrippe
Universität Bern: www.krippe.unibe.ch
Universität Fribourg: www.unifr.ch/krippe
Universität Luzern: www.campus-kinderkrippe.ch
Universität St. Gallen: kinderkrippe-loewenzahn.ch

Kindertagesstätten an schweizerischen Hochschulen
Seit die Campus-Kinderkrippe in Luzern am 1. Oktober 2002 ihren Betrieb aufgenommen hat, gibt es an allen schweizerischen Universitäten eine Kinderkrippe für Studierende oder Angestellte der jeweiligen Schule. Sie alle sind jeweils werktags geöffnet, unabhängig von den Semesterferien. In den meisten Krippen müssen die Kinder vier Monate alt sein, um aufgenommen zu werden. Die Finanzierung erfolgt gewöhnlich nach Einkommensklasse: Wer wenig oder gar nichts verdient, muss auch weniger zahlen. Alle Krippen der schweizerischen Universitäten sind pädagogisch auf dem neusten Stand. So sind die Gruppen etwa altersgemischt. «Auf diese Weise lernen die jüngeren Kinder von den älteren und die älteren können Verantwortung übernehmen», erklärt Margrit Holenweg von der Berner Kindertagestätte «Casa Tutti Frutti». In allen Krippen wird den Kindern eine Eingewöhnungszeit gewährt. Ein Tipp für werdende Eltern: Früh anmelden! Denn die Plätze in Kinderkrippen sind begehrt, lange Wartelisten die Regel.

Rabe
Rabe

Gleich im Anschluss an die Vorlesung nach Hause, Windeln wechseln, Nachtessen zubereiten, den Kleinen in den Schlaf wiegen. Und dann, wenn man selbst todmüde ist, ab an den Schreibtisch, hinter die Bücher. Studieren mit Kind ist anstrengend, «aber durchaus machbar », sagt Regula, Mutter des zehn Monate alten Lino. Und der Vater des eineinhalbjährigen Elia schliesst sich ihr an.

Studierende Eltern sind selten: Nur sechs Prozent der Studenten sind gleichzeitig Mami ergangenen Jahr. Regula Stucki (30) gehört zu diesen sechs Prozent. Sie studiert Volkskunde an der Uni Zürich und ist seit zehn Monaten Mutter des kleinen Lino. «Klar ist es teilweise recht stressig. Aber letztlich ist alles eine Frage der Organisation. » So achtet Regula darauf, dass sie genügend Zeit für sich hat und gönnt sich auch hie und da einen freien Nachmittag. «Man darf nicht warten, bis einem das Wasser bis zum Hals steht», sagt die junge Mutter, die getrennt von Linos Vater lebt. «Jeder Tag muss geplant sein», bestätigt der Zürcher Soziologiestudent Rico Loppacher (28). Auch der Vater des eineinhalbjährigen Elia gehört zu den sechs Prozent studierender Eltern. «Insgesamt würde ich sagen, dass sich die Vater- und die Studentenrolle sehr gut vereinbaren lassen », sagt Rico. «Sicher hängt es aber davon ab, welche Studienrichtung man gewählt hat und wie viel man nebenbei arbeiten muss.» Auch bei ihm gebe es Situationen, in denen er an seine Grenzen stosse. Wenn Elia unerwartet krank wird beispielsweise, wenn er in der Nacht nicht schläft, wenn er viel weint. Oder aber, wenn Rico viel Zeit ins Studium investieren muss. Gerade jetzt zum Beispiel: Rico steht vor seinen Abschlussprüfungen.

kihz Wolfbach Grünfläche
kihz Wolfbach Grünfläche

Unkompliziertes Verhältnis

Wenn die Belastung für studierende Eltern zu gross wird, können Melanie Bullerjahn und ihr Team von der Kindertagestätte «Wolfbach» in Zürich helfen. Bullerjahn, gebürtige Deutsche, betreut im «Wolfbach» Kleinkinder von Studenten zwischen vier Monaten und drei Jahren. So auch Lino und Elia. Wie Mami und Papi an der Uni haben auch die Sprösslinge im «Wolfbach» eine feste Tagesstruktur. Doch statt molekularerer Zellbiologie, empirischer Sozialforschung oder Geotechnik steht bei den Kleinen singen, spielen und spazieren auf dem Programm. Und nach dem Mittagessen ist ein Mittagsschläfchen angesagt. Während Mami oder Papi auf den harten Bänken im Vorlesungssaal einnicken, döst auch der Nachwuchs friedlich im eigens eingerichteten Schlafzimmer – bei dämmrigem Licht und wohlig-kuschliger Musik. Die Tagesstätte Wolfbach wurde im Februar 2006 eröffnet und ist in erster Linie für Eltern gedacht, die an der Uni, an der ETH oder an der Pädagogischen Hochschule lernen oder arbeiten. «Es ist aber nicht so, dass die Kinder im Wolfbach deswegen klüger sind als anderswo», sagt Bullerjahn und lacht. Das Verhältnis zu den Eltern sei sehr unkompliziert. «Wir sind mit allen per Du, egal ob Professoren oder Studenten», so Bullerjahn.
Oft wisse sie gar nicht, was die Eltern an der Uni genau machen. «Wir müssen uns schliesslich nicht um sie, sondern um ihren Nachwuchs kümmern.» Und entgegen ihren Befürchtungen kann sie dies ohne Beeinflussung tun. «Anfangs habe ich gedacht, Studenten mischen sich in Betreuungsfragen ein, vor allem die angehenden Lehrer an der PH. Doch das ist überhaupt nicht der Fall», so Bullerjahn.

kihz Wolfbach Grünfläche
kihz Wolfbach Grünfläche

«Das Angebot ist zu klein»

Und noch etwas fällt Melanie Bullerjahn auf: Die Dankbarkeit der Eltern, wenn sie für ihr Kind einen Platz in der Krippe finden. «Für die meisten Eltern wäre es mit grossen Umständen verbunden, wenn sie ihr Kind bei uns nicht betreuen lassen könnten, einige müssten ihr Studium sogar aufgeben.» Auch für Regula Stucki wäre es ohne das Angebot der Kindertagesstätte «ziemlich schwierig» geworden, ihr Studium abzuschliessen. «Wenn Lino in der Tagesstätte betreut wird, ist das für mich eine enorme Entlastung.» Auch Rico ist froh um die Unterstützung der Kindertagesstätte. «Die zwei Tage pro Woche, die Elia in die Krippe geht, sind für mich die intensivsten Lerntage und meine Freudin hat etwas Zeit für sich.» Ricos Freundin war bis vor einem halben Jahr selbst Studentin, bald werden die beiden heiraten. Dass sie ihr Kind in einer Hochschul-Krippe betreuen lassen können, ist keine Selbstverständlichkeit: Normalerweise sind die Plätze schon Monate im Voraus belegt, wie in der ganzen Schweiz gibt es auch in Zürich lange Wartelisten. «Das Betreuungsangebot ist zu klein», findet Rico, und Regula schliesst sich ihm an. «Es hat leider immer noch zu wenige Krippenplätze.» Tatsächlich: Fast an allen Uni-Kindertagesstätten gibt es Wartelisten. Obwohl die Stiftung Kinderbetreuung im Hochschulraum Zürich fünf Tagesstätten mit 130 Plätzen anbietet, stehen auf den Wartelisten rund 300 Eltern. Auch in Bern sieht‘s nicht viel besser aus: «Zurzeit warten rund 60 Kinder auf einen freien Platz», sagt Margrit Holenweg, seit neun Jahren Leiterin im «Casa Tutti Frutti». Wer im September einen Platz für seinen zweijährigen Junior will, muss sich bei der Kindertagestätte der Uni Bern bis März gedulden – bei Säuglingen kann sich die Frist sogar auf bis zu eineinhalb Jahre erstrecken. Dabei wurde das Angebot in den vergangenen Jahren ausgebaut, früher war die Situation noch schlechter: «Wir hatten auch schon Wartelisten mit über 100 Kindern», sagt Margrit Holenweg. Weil die Plätze in den Uni-Kindertagesstätten derart begehrt sind, müssen studierende Eltern sich bereits sehr früh nach einem Platz umzusehen: «Es gibt Leute, die sich unmittelbar nach dem positiven Schwangerschaftstest bei uns anmelden», sagt Melanie Bullerjahn.

Regulas Hoffnung

Studieren mit Kind: Die zeitliche Belastung ist hoch, der finanzielle Aufwand auch, und die Suche nach einem Krippenplatz lang. Ist es überhaupt sinnvoll, während des Studiums Vater oder Mutter zu werden? Die Antwort lautet wie so oft: Es kommt darauf an. Welche Studienrichtung hat man gewählt? Wird man von den Eltern unterstützt (moralisch und finanziell)? Lebt man alleine oder in einer WG? Für Rico ist der Fall klar: «Kinder zu haben macht Spass, egal ob Student oder nicht.» Und auch Regula hat ihre Entscheidung noch nie bereut. «Es tönt blöd, wenn ich sage: Ich würde es weiterempfehlen. Aber für mich ist es eine gute Entscheidung. Wenn ich nach dem Studium auf den Arbeitsmarkt komme, habe ich eine Frage bereits beantwortet, die sich für andere dann erst stellt.» Manchmal, so hat sie das Gefühl, werde sie sogar ein wenig bewundert. Kind und Studium unter einen Hut bringen – das schafft nicht jede. Und Lino? Weiss er, wo Mami jeweils hingeht? Wohl kaum, dafür ist er noch zu klein. «Irgendwann werde ich ihm erklären, was eine Uni ist», sagt Regula. Und schmunzelnd fügt sie an: «Ich hoffe aber, dass ich dann nicht mehr dort sein werde.»

Schlafzimmer
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