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Quelle:
Autorin: Betina Bischof, Leitung kihz Kindertagesstätten
15.11.2010
KITAS JOURNAL 6/10
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Als 2007 unsere Diskussion über ein mögliches Qualitätssystem für die Kindertagesstätten der Stiftung kihz begann, fehlten in der deutschen Schweiz noch verbindliche Qualitätskriterien sowie ein einheitliches Instrument für die Feststellung, Entwicklung und Sicherung pädagogischer Qualität in Kindertagesstätten. Es gab keinen „Bildungsauftrag“ und die pädagogische Praxis in der Betreuungsarbeit war weitgehend sich selbst überlassen.
Trotzdem sollten und wollten wir ein „qualitativ gutes Betreuungsangebot“ zur Verfügung stellen – doch an was sollten wir uns orientieren?
Wir haben verschiedene Verfahren geprüft und uns für das PädQUIS Qualitätssystem entschieden. PädQUIS ist ein deutsches Forschungs- und Entwicklungsinstitut im Bereich der Frühpädagogik unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Tietze. Die vom Institut entwickelten Instrumente zur Qualitätsfeststellung, Qualitätsentwicklung und der Qualitätssicherung in Krippen und Kindertagesstätten basieren auf international anerkannten Standards (z.B. der Early Childhood Environment Rating Scale), in welche regelmässig neueste Erkenntnisse einfliessen.
Im Frühjahr 2008 begann der 1 ½ jährige Prozess der Qualitätsentwicklung. An 8 ganztätigen Veranstaltungen wurden fachliche Inhalte zu den verschiedenen Bildungsbereichen geschult und diskutiert.
In einer der Veranstaltungen wurde auf Rahmenbedingungen eingegangen, die ebenfalls zur Qualität einer Kita beitragen:
Das Institut PädQUIS arbeitet nach dem „Sieben-Schritte-Verfahren“, das von ihnen konzipiert wurde: Situationsanalyse, Erhebung des aktuellen Qualitätsprofils, Fachliche Orientierung, Diskussion von Veränderungszielen, Zielvereinbarungen, Planung von Umsetzungsschritten, Ergebnissicherung.
Anhand einiger der oben genannten Bildungsthemen wurde das Qualitätssystem durch eine wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts PädQUIS erläutert. Im Folgenden werden die einzelnen Schritte kurz zusammengefasst.
Die Kitaleiterin gibt einen Bildungsbereich vor, mit welchem sich alle Erzieherinnen in nächster Zeit genauer beschäftigen werden. Mithilfe einer Checkliste kann jede Erzieherin die aktuelle Situation ihrer Gruppe in dem gewählten Bildungsbereich einschätzen und beschreiben. Die Checklisten sind so konzipiert, dass sie sich für alle Kita-Gruppen eignen, unabhängig von der Struktur und Alterszusammensetzung. Sie dienen der Selbstevaluation und können so Ausgangspunkt für diverse Diskussionen über die Qualität in der Kita sein.
Die individuell ausgefüllten Checklisten werden in einem zweiten Schritt durch die Kitaleiterin ausgewertet. Die Auswertung zeigt, wo die Stärken und Schwächen der Einrichtung liegen und wird zum Ausgangspunkt für die Festlegung von Qualitätszielen im gewählten Bildungsbereich.
Um sich fachlich zu orientieren, beschäftigen sich die Erzieherinnen bei diesem Schritt z.B. mit Fachtexten zum gewählten Bildungsbereich, stellen sich diese gegenseitig vor, diskutieren kontroverse Meinungen, besuchen gute Beispiele aus der Fachpraxis, etc. Ziel hier ist es, die Diskussion über die gewünschte zukünftige Qualität anzuregen und fachliche Grundlagen zu erarbeiten.
Auf der Grundlage der erfolgten Fachdiskussionen diskutiert das Team in diesem Schritt die gewünschte Qualitätsverbesserung der pädagogischen Arbeit im festgelegten Bildungsbereich.
Das Team hat verschiedene Ziele diskutiert und nun werden diese verbindlich und SMART formuliert.
Nun wird definiert, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Konkrete und überprüfbare Teilschritte zur Erreichung des Qualitätsziels werden festgelegt, organisatorische, zeitliche und inhaltliche Aspekte berücksichtigt und personelle Verantwortlichkeiten geklärt.
In der letzten Phase wird festgestellt, ob das gesteckte Ziel erreicht wurde. Wurde das Ziel erreicht, schliesst ein Qualitätszyklus ab. Gleichzeitig wird damit ein neuer Ist-Zustand definiert, der wiederum Ausgangspunkt für weitere Ziele werden kann.
An den Bildungstagen wurde das System aufgezeigt, anhand konkreter Beispiele aus dem Alltag der Kindertagesstätten. Schritt für Schritt wurden die Kitaleiterinnen und Erzieherinnen begleitet und zunehmend selbstsicherer in der Anwendung.
Ob und wie der oben beschriebene theoretische Ablauf in der Praxis tatsächlich funktionieren kann, beschreibt im Folgenden eine der Kitaleiterinnen der Stiftung kihz.
„Hätte mich vor einem Jahr jemand gefragt wie ich die Möglichkeiten einschätze, den Prozess der Qualitätsentwicklung in der Kindertagesstätte kihz Bülachhof zu initiieren, dem hätte ich vielleicht eine eher zurückhaltende Antwort gegeben. Ich hätte vermutlich grosse Zweifel gehabt, im Tagesstättenalltag ein Zeitfenster zu finden, das dem zu dem Zeitpunkt vermuteten Aufwand gerecht wird… Doch manchmal entwickeln sich die Dinge anders und quasi wie von selbst!!!

Ein kleiner Blick zurück…
Wir hatten im Frühling 2010 gerade die letzte gemeinsame Schulung im Bereich Qualitätsentwicklung abgeschlossen, als zufällig genau in dieser Zeit die Bewilligung zu baulichen Veränderungen in unserer Kindertagestätte einging. Zweite Spielebenen in den Gruppenräumen schwebten uns schon lange vor und schon waren wir mitten drin - mitten im Qualitätsbereich „Raum für Kinder/Raumgestaltung“. Es lag auf der Hand und war ganz selbstverständlich.
Die Checkliste zur Selbsteinschätzung und Situationsanalyse hatten wir (alle ausgebildeten MitarbeiterInnen der Kita) vor kurzem im Rahmen der Schulung zu diesem Thema bereits ausgefüllt. Also bedurfte es nun einer ausführlichen Auswertung und einer Auseinandersetzung mit den Ergebnissen, um eine Orientierung zu finden. Orientierung für eine konkrete Einschätzung, in welchen Bereichen wir tatsächlich Handlungsbedarf für die Kinder sehen. Und natürlich auch wie wir diesen Handlungsbedarf letztlich in die Praxis umsetzen wollen.
Es stellte sich schnell heraus, dass ein verbesserungswürdiger Bereich die räumlichen Bedingungen zu grossräumigem Bewegen, Klettern, Springen, Tanz usw. im Innenbereich waren. Auch die Rückzugsmöglichkeiten auf den Gruppen sollten für die Kinder verbessert werden. Zudem sollten die Räume noch optimaler den individuellen Bedürfnissen und der Altersgruppe der Kinder (4 Monate bis zum Eintritt in den Kindergarten) optimal gerecht werden.
Nun wurde Fachliteratur gesammelt, Texte gelesen, Bilder angeschaut, beste Fachpraxis studiert.
Im Rahmen einer Teamsitzung, auf die sich die Mitarbeiterinnen ausführlich vorbereitet hatten, kam es daraufhin zu einer sehr angeregten und fruchtbaren Diskussion über Qualität von Räumen für Kinder. Wir besprachen die Bedürfnisse der verschiedenen Altersstufen und wie ein Raum gestaltet werden könnte, um diesen gerecht zu werden. Da war die Idee von den zweiten Spielebenen wieder im Raum. Wir diskutierten die baulichen Voraussetzungen, die die zweiten Spielebenen mitbringen müssten, um die Räume auf ganzer Höhe für die Kinder erlebbar zu machen. Schnell hatten die Mitarbeiterinnen konkrete Vorstellungen darüber, wie unsere Funktionsräume (Bewegungsraum und Mehrzweckraum) zu einer optimaleren Nutzung kommen konnten. Und nach einer kurzen Abstimmung war es beschlossen: der Bewegungsraum sollte aus dem Keller in das hellere und besser zu belüftende Erdgeschoss zügeln, der Mehrzweckraum, der bis dato weniger häufig genutzt wurde, würde in den Keller wechseln und dort neben seiner Funktion als Raum für Kleingruppenarbeiten ein neues Gesicht als „Kinderbücherei“ bekommen.
Die in dieser Runde entstandene Dynamik hätte ich so aufs erste nicht erwartet und das gab Mut und Lust zum weitermachen!

Die Ziele wurden an einer der nächsten Teamsitzungen gemeinsam nochmal konkretisiert und schriftlich festgehalten: Die Raumgestaltung sollte sich an den Interessen der Kinder orientieren und diese in schöner Atmosphäre zu verschiedenen Aktivitäten anregen. Die Räume sollten frei zugänglich sein können und den Kindern neben Bewegungsmöglichkeiten auch erlauben, sich in gemütlich eingerichtete Bereiche zurückzuziehen oder das Geschehen zu beobachten. In den Funktionsräumen sollten mehrere kleine Kindergruppen ihre Ideen gleichzeitig verwirklichen können. Jetzt musste nur noch geplant werden, mit welchen Massnahmen wir diese Ziele erreichen könnten, wer wann was genau machen würde und schon konnte es losgehen. Für die Umsetzung der Arbeiten fanden sich schnell kleine Arbeitsgruppen zusammen.
Das „Raumfieber“ breitete sich in der Kindertagesstätte aus und so bildete sich während des Prozesses zusätzlich noch eine Gruppe, die die Gestaltung des bereits vorhandenen Mal-/Werkateliers überarbeiten wollte, sowie des Personalzimmers.
Die folgenden Wochen waren sehr arbeitsintensiv und spannend. Trotz der Mehrarbeit wirkte das Team aber nicht gestresst oder überfordert, vielmehr motiviert und mit Vorfreude auf das bevorstehenden Ergebnis, welches sich unserer Meinung nach wirklich sehen lassen kann.

Die Arbeit hat sich gelohnt. Mit Stolz konnten die Mitarbeiterinnen im Rahmen eines Elternabends zum Thema „Die kindliche Spielentwicklung“ die neu gestalteten Räumlichkeiten präsentieren und deren gewonnen Mehrnutzen als Bildungsraum für Kinder praktisch erläutern. Die Mitarbeiterinnen waren fachlich gewachsen, am gemeinsam erarbeiteten Thema und dem gemeinsamen Umsetzen.
Aber nicht nur die Eltern und das Team sind begeistert von den Veränderungen, es lässt sich täglich vor allem bei den Kindern beobachten, wie sehr sie von diesem Schritt profitieren.
Die klarere Strukturierung der Räume hilft ihnen bei der selbständigen Orientierung und gibt ihnen eine Wahlmöglichkeit der Spielorte. Bereiche in den zweiten Ebenen, die den älteren Kindern allein zugänglich sind, geben diesen einen Rahmen, den sie für sich erobern können und entlasten gleichzeitig die Erfahrungsräume der jüngeren Kinder, die nun deutlich ruhiger sind. Gleichzeitig laden die Ebenen die Kinder zum Spiel ein, mal werden sie zum Piratenschiff, mal zur Puppenecke und manchmal findet sich dort einfach ein gemütlicher Liegeplatz für ein Mittagsschläfchen.
Nicht zuletzt bereichern die neuen Funktionsräume den Alltag, Kleingruppenarbeit hat eine neue Qualität bekommen und wird mehr denn je genutzt, denn der Bewegungsraum, das Atelier und die Kinderbücherei laden einfach dazu ein!
Das Team der kihz Bülachhof ist nun am Ende des ersten Entwicklungszyklus der Qualitätsentwicklung im Bereich „Räume für Kinder/Raumgestaltung“ angelangt. Nach gut 6 Monaten, in denen wir mit Analyse, Überlegungen, Planung und Umsetzung beschäftigt waren, blieb nur noch die Auswertung der Veränderungen und das Fazit. Wir sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden und sehen bereits weitere kleine Schritte, die in der Zukunft noch bereichernd umgesetzt werden könnten - dies dann im zweiten Zyklus.
Wenn ich nun also auf den Prozess zurückblicke, dann muss ich sagen, dass das „Schreckgespenst“ aus Checklisten, ausserordentlichen Teamsitzungen und Dokumentationen seine furchteinflössende Seite verloren hat.
Wenn Qualitätsentwicklung als selbstverständlicher Teil der pädagogischen Arbeit verstanden wird, dann ist der zeitliche Aufwand weniger belastend für die Abläufe des Betriebs als zunächst vermutet. Im Gegenteil, er führt zu einer neuen Bewusstmachung der Gegebenheiten, bereichert die Kinder auf grossartige Weise und bringt zudem eine enorm teambildende Komponente ein – denn plötzlich steht da eine ganz neue Tagesstätte, zu deren Bild jede Mitarbeiterin ihren eigenen Teil beigetragen hat!“
Marion Eichbaum/Leitung kihz Bülachhof
Der Nutzen der Qualitätsentwicklung für die Kinder in der Kindertagesstätte kihz Bülachhof hat sich in den letzten Monaten gezeigt. Auch in den anderen Kitas zeigen sich viele positive Veränderungen. Beispielsweise ist das Material- und Tätigkeitsangebot in den Kitas vielfältiger geworden, die Räume für die Kinder übersichtlicher gestaltet und die Aussenbereiche wurden den Bedürfnissen der Altersgruppen angepasst. Es wurden in einigen Kitas Waldtage eingeführt, Hausthemen erarbeitet, Projekte erprobt oder verworfen, Kinderkonferenzen ins Leben gerufen und vieles mehr. Anderes wartet noch auf uns und ein Ende wird es nicht geben.
Die Theorie der sieben Schritte gibt den Fragen der Qualitätsentwicklung einen hilfreichen Rahmen, der sicher stellt, dass viele Kriterien zu einem Bildungsbereich im Sinne der Kinder berücksichtigt werden. Er hilft auch, die positive Arbeit, die die Erzieherinnen jeden Tag leisten, einmal abzubilden und untereinander sichtbar zu machen. Er stärkt die Erzieherinnen, Eltern und der Fachwelt gegenüber ihr Tun zu reflektieren und begründen zu können. Und er hilft, die grosse Motivation der Erzieherinnen für beste Betreuung der ihnen anvertrauten Kinder, in eine gemeinsame Richtung zu lenken und die Energien zu bündeln.
Auch wenn noch sehr viel Arbeit vor uns liegt, dürfen wir nach den ersten Erfahrungen vorsichtig und ehrlich sagen: Qualitätsentwicklung ist theoretisch und praktisch sinnvoll und machbar.
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