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Aus der Not geboren

Quelle:
Limmattaler Tagblatt/Mittellandzeitung 3.11.2006
Andrea Trueb
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Kantonale Richtlinien sollen angepasst werden
AUCH DIE FACHSTELLE FÜR FAMILIENERGÄNZENDE BETREUUNG des Amts für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich hat festgestellt, dass es hauptsächlich an Betreuungsplätzen für Kleinstkinder im Alter von 0 bis 18 Monat fehlt. Zu diesem Schluss kam eine im Sommer 2003 von der Fachstelle eingesetzte Projektgruppe, deren Mitglieder alle beruflich mit Krippen zu tun haben. In ihrem Bericht vom Mai 2006 hält die Projektgruppe fest, dass Kinder nicht wie in den Richtlinien über die Bewilligung von Kinderkrippen festgehalten bis 12 Monate, sondern bis 18 Monate eine intensive Betreuung brauchen: «Will eine Kinderkrippe Kleinstkinder gut betreuen, braucht sie fachlich kompetente Mitarbeitende und muss pro Kind etwa 50 Prozent mehr Personal zur Verfügung stellen.» Konkret werden im Bericht vier Betreuungs-Modelle vorgeschlagen. Zwei davon, nämlich die «Tandem- Krippe» und (eine neue Form) der «Familienkrippe» werden von der Stiftung kihz in einer zweijährigen Projektphase umgesetzt (siehe Hauptbericht). Ausserdem haben die Verfasserinnen und Verfasser des Berichts die Bewilligungs-Richtlinien vom 1. Dezember 2002 einer kritischen Prüfung unterzogen und sind dabei zum Schluss gekommen, dass «einzelne Bestimmungen und Anforderungen, die sich auch der Betreuung von Kleinstkindern ergeben, nicht erfüllt sind». Basierend auf diesen Ergebnissen (der Bericht kann auf www.lotse.zh.ch eingesehen werden) hat die Fachstelle die Bildungsdirektion damit beauftragt, die Richtlinien in diesen Punkten anzupassen. (ANT)

Die Stiftung für Kinderbetreuung im Hochschulraum, eine Stiftung von Universität und ETH Zürich (Leitung der Hochschul-Krippen), wagt ein schweizweit einzigartiges Projekt – und schickt Betreuerinnen zu den Babys nach Hause.

«Eltern von einem dreijährigen Kind können sich in der Stadt Zürich einen Krippenplatz aussuchen. Für Säuglinge bis zu 18 Monaten aber, werden die Wartelisten immer länger» sagen Sergio Tassinari und Ria-Elisa Schrottmann von der Stiftung Kinderbetreuung im Hochschulraum Zürich (kihz). Kihz betreibt fünf
Krippen und bietet insgesamt 130 Plätze an, das entspricht mehr als 250 betreuten
Kindern. Auf der Warteliste stehen im Moment 300 Kinder – der grösste Teil davon
sind Säuglinge.

Architektur und Raumgestaltung sollen den Bedürfnissen der Säuglinge bzw. Kleinkinder Rechnung tragen. (Bild: ANT)

Doch mit den schönen Räumlichkeiten allein ist es nicht getan. Ria-Elisa Schrottmann und Sergio Tassinari, das Geschäftsleitungsteam der kihz, proben gleichzeitig mit den drei Krippen einen neuen pädagogischen Ansatz. Gestern stellten sie an der offiziellen Einweihung das neue Modell vor.

Mehr «normale» Krippen nach dem Familiensystem ist nicht die Lösung

Warum fehlt es ausgerechnet an Plätzen für Säuglinge? «Zum einen kennt die Schweiz im Gegensatz zu anderen Ländern keinen Elternurlaub. Vorgesehen sind lediglich 16 Wochen», begründet Schrottmann. Ausserdem würden Krippen in der Schweiz nach dem bewährten «Familiensystem» betrieben. Das heisst: In einer Gruppe von zehn Kindern haben maximal zwei bis drei Säuglinge Platz. Werden neue Krippen gegründet, werden dadurch nur wenige Säuglings-Plätze frei, was zur verwirrenden Situation führt, dass gleichzeitig Krippen schliessen müssen, während Eltern für ihre Kleinstkinder keine Plätze finden.
Um dem Bedarf entsprechen zu können hat die Stiftung kihz beim Pädagogischen Institut Zürich eine Studie in Auftrag gegeben mit der Frage, welche anderen Betreuungsmodelle (nebst dem Familiensystem) pädagogisch vertretbar und finanziell tragbar wären. «Ein Blick über den deutschschweizer Tellerrand» war dabei ausdrücklich erwünscht.
Die «Expertise für eine innovative Konzeption» wurde unter der Leitung von Bettina Grubenmann in Kooperation mit Sabina Larcher Klee erstellt und soll demnächst veröffentlicht werden. Sie kommt unter anderem zum Schluss, dass das Personal für den Umgang mit Säuglingen gezielt geschult und ein entsprechender Bildungsplan entwickelt werden muss. Ein starkes pädagogisches Handlungskonzept verringert die Personalfluktuation und vermindert die Gefahr von Bun-out. Eine weitere zentrale Schlussfolgerung: Einfach nur sitzen und den grösseren Kindern beim Spielen zuschauen, reicht Säuglingen nicht. Vielmehr soll, so die Studie, «bereits der Säugling als lernfähiges, eigenaktives Wesen» betrachtet und entsprechend betreut und gefördert werden.
Auf den Forschungsergebnissen basierend, hat die Stiftung kihz in diesem Frühling die drei Krippen «Schönberg», «Platten» und «Wolfbach» organisatorisch zusammengefügt und darin das «Tandem- Modell» und die «kihz Familien- Krippe» umgesetzt. Konkret werden die Kinder in zwei Altersgruppen betreut: Die 0- bis 3-Jährigen verbringen ihren Tag zusammen und die 3- bis 6-Jährigen. Damit der Übergang von der einen zur anderen Altersgruppe möglichst leicht fällt, werden beim Personal so genannte Springerinnen eingesetzt, die auf allen Gruppen arbeiten und somit alle Kinder kennen lernen. Ausserdem finden verschiedene Anlässe statt («Räbeliechtli- Umzug», Waldtag) welche den Kontakt der beiden Altersgruppen untereinander fördern.

Krippen-Fachperson betreut den Säugling zu Hause

Besonders ungewöhnlich und schweizweit gar einzigartig aber ist das Modell «kihz Familien-Krippe». Weil die Stiftung kihz – trotz neuer Struktur – den Bedarf an Säuglingsplätzen noch immer nicht decken kann, haben Eltern die Möglichkeit, ihr Kind von einer kihz- Fachperson zu Hause betreuen zu lassen. Dies so lange, bis ein «normaler» Platz in einer der Krippen frei wird. Mögliche Schwierigkeit: Um dem städtischen Betreungsschlüssel zu entsprechen, müssen immer zwei Säuglinge von einer Person in einem der beiden Haushalte betreut werden. Profitieren können also Familien, die sich auf die Betreuungstage einigen können und nicht allzu weit voneinander entfernt wohnen. «Falls sich das System bewährt, werden wir das Angebot der Familienkrippe vergrössern», so Schrottmann. Was «aus der Not geboren wurde» (Tassinari) wird vielleicht eines Tages als Vorbildmodell herhalten können.

 

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